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Schiller 'Ästhetische Erziehung' und die Zwecke der Schule nach Freiherr von Zedlitz PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Juergen Schroeder   
Sonntag, 13. Dezember 2009 um 10:40

Schiller 'Ästhetische Erziehung' und die Zwecke der Schule nach Freiherr von Zedlitz

 

Schiller verfasste während des Jahres 1793 eine Reihe von Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen an den Herzog Friedrich Christian von Holstein-Sonderburg-Augustenburg in Kopenhagen um damit seinem Dank über das während schwerer Krankheitsanfälle empfangene Stipendium Ausdruck zu verleihen. Sowohl Natur als auch Vernunft stellen für Schiller im Grunde Hindernisse auf dem Weg zur Vervollkommnung, zur Annäherung an die Schönheit dar.

"Beide entgegengesetzte Schranken werden, ..., durch die Schönheit gehoben, die in dem angespannten Menschen die Harmonie, in dem abgespannten die Energie wieder herstellt und auf diese Art ihrer Natur gemäß, den eingeschränkten Zustand auf einen absoluten zurückführt und den Menschen zu einem in sich selbst vollendeten Ganzen macht." (Schiller 1965, S. 69)

Aus dieser vollendeten Schönheit der Seele geht sodann die eigentliche, die menschliche Würde hervor, wird durch sie sowohl versinnbildlicht als auch konkretisiert und materialisiert. Diese Schönheit kann verstanden werden als die Gesundheit, die ja gerade durch die ihr eigene Ästhetik konkrete Stofflichkeit gewinnt, wie dies bei Schiller keine Ausnahme auf dem Felde der Ideen bildet, welches von mancherlei ins Materielle transformierter, ja sich gar über dieses Erhebende Vorstellung bedeckt ist:

"Wie die körperlichen Werkzeuge, so hat in dem Menschen auch die Einbildungskraft ihre freie Bewegung und ihr materielles Spiel, in welchem sie, ohne alle Beziehung auf Gestalt, bloß ihrer Eigenmacht und Fessellosigkeit sich freut." (Schiller 1965, S. 121)

In den Ästhetischen Briefen wurde der "Gedanke, daß Ästhetik und Kunst die wahren Erzieher des Menschen seien, soweit konkretisiert, daß er zu einem Bildungsprojekt (Hervorh. i. O., d. Vf.) werden konnte, welches bis heute nicht an Attraktivität verloren hat und welches immer wieder einmal neu in Angriff genommen wird." (Ehrenspeck 1998, S. 175)

 

Schiller glaubte "in der ästhetischen Erziehung das Mittel gefunden zu haben, das in einem längeren historischen Zeitraum geeignet sei, die gesellschaftlichen Zustände zu heben." (Günther et al. 1982, S. 226) Es ist für Schiller also kein wirklich umfassender Widerspruch zwischen dem ästhetischen Empfinden, welches in seiner Subjektivität solange eingeschlossen bleiben muss, wie es nicht kommuniziert, kollektiv konstruiert und diskursiv ermittelnd letztendlich gesamtgesellschaftlich festgeschrieben wird und der letztlich doch sich ebenfalls gesellschaftlich organisieren müssenden, sich nur erzieherisch ausrichten könnenden Bildung.

"Bildung hat, nach dem Selbstverständnis der Aufklärung, die allgemeine Vernunft des Menschen zum Gegenstand, ihre Gewißwerdung, ihre Vergegenwärtigung im Bewußtsein." (Heydorn 1980, S. 165)

In seinen Briefen 'Über die ästhetische Erziehung des Menschen' legt Friedrich Schiller eine dieser Widersprüchlichkeit nachempfundene Auffassung von Natur zugrunde.

"Natur ist einerseits der Moralität entgegengesetzt, also ein Zustand der Unvernunft; zum anderen von Arbeit entlastet, also ein Zustand der Freizeit. Sie ist eine Eigenschaft gesellschaftlichen Handelns, das vom Zwang zur Produktivität frei und im übrigen unsittlich ist." (Grimminger 1984, S. 166)

Die natürlichen Verhaltensweisen der Menschen sind also keineswegs positiv zu sehen, sie bedeuten allzu oft eine Beeinträchtigung der Gesundheit, so daß sie überwunden werden müssen, um den gesunden Gleichklang des Individuums mit seiner Umwelt herstellen zu können. Zumindest eine schnelle Aufhebung des Widerspruchs zwischen Natur und Vernunft schien Schiller unmöglich, so daß ästhetische Alternativen als langfristige Einflussfaktoren denkbar wurden.

"Bildung hat die Humanisierung der Welt über ihre konkreten Gebilde zu vollziehen, über vorgefundene Größen; sie hat mit den realen Kräften zu rechnen, innerhalb derer sich die Vernunft gewinnen soll. Sie alleine schreiben die jeweilige Möglichkeit vor."(Heydorn 1980, S. 167)

Allein die Orientierung auf die Schönheit, die er nach der Befreiung aus den ersten physischen Zwängen als Ausgangspunkt allen kulturellen Strebens der Menschheit setzt (Ehrenspeck 1998, S. 117), weist ihm in diesem Gedankenkonstrukt den Weg in die Freiheit, in die Selbstwerdung des sowohl vernunftbegabten als auch sittlichen, des schönen und wohlgestalteten, gesunden Menschen, der mit sich selbst im Reinen ist und auch mit der Gesellschaft. Der Persönlichkeit, entfesselt und nicht mehr den unentrinnbaren alten Zwängen unterworfen, gilt es einen sittlichen Rahmen zu umreißen.

"Die Überlegung, daß durch Ästhetik eine Verbindung von Natur und Freiheit gegeben sein könnte und daß sie in einer Verbindung zur Sittlichkeit oder zur moralischen Humanität des Menschen steht, übernimmt Schiller jedoch von Kant." (Ehrenspeck 1998, S. 114)

Die Schillersche Vorstellung der naturgegebenen Entwicklungsmöglichkeit des einzelnen Menschen und der gesamten Menschheit zum Schönen hin, findet sich auch bei Schelling, in dessen organologischer Philosophie, "in der Figur einer, allerdings verzeitlichten, ontogenetischen Vermittlung von Natur und Geist" (Ehrenspeck 1998, S. 11) wieder. Neben dem Kontrast mit dem Alten, dem Kampf mit dem Überlieferten sah sich die neue ästhetische Erziehung aber auch noch einer ganz anderen kontradiktorischen Herausforderung ausgesetzt, nämlich der angestrebten Versöhnung der Widersprüche, "die zwischen der rohen Natur und der Vernunft des Menschen, zwischen seiner gesellschaftlichen Möglichkeit und seiner humanen Bestimmung angelegt und gegeben sind" (Tenorth 1988, S. 124).

 

Ging Schiller von einer allgemeinen, geistigen wie körperlichen Hebung des Zustands der menschlichen Gattung aus, so beschränkt Zedlitz sich in seinem 1787 verfassten Text hinsichtlich seiner Erwägungen der Zwecke der Schule, die diese zu seiner Zeit gegenüber den verschiedenen Klassen der Bevölkerung zu verfolgen habe (Zedlitz 1980). Für die bäuerliche Bevölkerung bedarf es hierbei, seiner Ansicht nach, lediglich der Unterweisung in wenigen diätischen-medizinischen Regeln, die vor allem die Warnung vor dem Alkohol sowie das Erkennen der Situationen, in denen ein Arztbesuch angezeigt sei, beinhalten sollten. Für die Bürgerschulen dagegen wird eine höhere Fähigkeit zur Einsicht angestrebt, wobei er aber für beide Schulen den Bezug zur Praxis als unabdingbar einschätzt, um die zukünftigen Mitglieder der Gesellschaft bereits früh an deren Zwänge zu gewöhnen, so dass sie deren Belastungen ertragen ohne zu großen Schaden an ihrer Gesundheit zu nehmen. Zedlitz verfolgt also ein sehr reduziertes und pragmatisches Konzept der Schule hinsichtlich ihrer Funktion für die Entwicklung der Gesundheit der Schüler und die Ausbildung ihres Gesundheitshandelns.

 

Literaturverzeichnis

 

Ehrenspeck, Y. (1998): Versprechungen des Ästhetischen. Die Entstehung eines modernen Bildungsprojekts. Diss. FU Berlin. Berlin 1998.

Grimminger, R. (1984): Die ästhetische Versöhnung. Ideologiekritische Aspekte zum Autonomiebegriff am Beispiel Schillers. In: Bolten, J. (Hrsg.): Schillers Briefe über die ästhetische Erziehung. Frankfurt am Main 1984. S. 161-184.

Günther, K.H. / Hofmann, F. / Hohendorf, G. / König, H. / Schuffenhauer, H. (1982): Geschichte der Erziehung. 13. Aufl. Berlin (Ost) 1982.

Heydorn, H.J. (1980): Vom Zeugnis möglicher Freiheit. In: Heydorn, H.J. (1980): Zur bürgerlichen Bildung. Anspruch und Wirklichkeit. Bildungstheoretische Schriften 1. Frankfurt am Main 1980. S. 161-191.

Schiller, F. (1965): Über die ästhetische Erziehung des Menschen. In einer Reihe von Briefen. Stuttgart 1965.

Tenorth, H.E. (1988): Geschichte der Erziehung. Einführung in die Grundzüge ihrer neuzeitlichen Entwicklung. Weinheim / München 1988.

Zedlitz, K. A. Frhr. v. (1980): Vorschläge zur Verbesserung der preußischen Schulen in den Königlichen Landen. In: Berg, C. (Hrsg.): Staat und Schule oder Staatsschule? Stellungnahmen von Pädagogen und Schulpolitikern zu einem unerledigten Problem (1787—1889). Königstein / Taunus S. 3-9.

 

Aktualisiert ( Sonntag, 13. Dezember 2009 um 10:59 )