Theorie der Schule PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Juergen Schroeder   
Sonntag, 13. Dezember 2009 um 15:16

Herrlitz' Lob der Institution Schule

 

Hebt Schillers Konzept der ästhetischen Erziehung allein auf die Effekte beim Individuum ab, ohne sich damit auseinandersetzen, wo und wie genau diese Erziehung durchzuführen sei, so legt Herrlitz in seiner Theorie der Schule und der Erziehung das Schwergewicht gerade auf die Institution der Schule, zu der es keine Alternative gäbe (Herrlitz 1994, S. 28). Während in den früheren, sog. 'einfachen' Gesellschaften die Unterweisung der Kinder und Heranwachsenden im täglichen Leben erfolgte, diese in der gemeinsamen Praxis mit den Älteren die benötigten Fähigkeiten erlernten, um zu überleben und auch sich gesund zu halten, so ist in den modernen Gesellschaften eine Trennung eingetreten zwischen dem Erlernen der Theorie in der Schule und deren Anwendung außerhalb der Schule. In der Schule werden keine unmittelbaren Erfahrungen gemacht, sondern es wird vielmehr ein spezieller, von der Gesellschaft abgekoppelter Lernort eingerichtet, an dem nicht für das Hier und Jetzt, sondern vor allem für später gelernt wird. Dies ermöglicht die theoretische Erprobung auch solcher Verhaltensweisen und Konzepte, die bei einer direkten Umsetzung in die Praxis stark gesundheitsschädigend wären. Es entsteht also mit der Schule ein Schutzraum für die Schüler.

 

Herrlitz betont im weiteren den symbolischen Charakter, den das Lernen in der Schule hat. Es wird in der Regel nicht direkt mit den Dingen und Realitäten umgegangen, sondern der Umgang wird vielmehr lediglich theoretisch erörtert. Dadurch erst werden Lernprozesse ermöglicht, die aus der gesellschaftlichen Praxis herausgelöst sind. Dergestalt gewinnt die Schule ihre didaktische Qualität, da Lernprozesse nicht nur wiederholt, sondern auch endlos variiert werden können. Die Schule bewirkt auch zeitliche Herauslösung des Lernens aus dem Moment, da die Kinder Fähigkeiten erlernen, die sie erst als Erwachsene gebrauchen werden. Es kommt also das Moment einer Planung und Fernmotivierung zum Tragen, die sich über das unmittelbar in der Umwelt Auftauchende erhebt. So wird auch der langfristige Umgang mit der eigenen Gesundheit möglich, die gezielte Entwicklung der körperlichen und geistigen Kräfte.

 

Charakteristische Kennzeichen der Schule sind für Herrlitz im weiteren die professionelle Anleitung und die formale Organisation des Lernens in der Schule. Daraus erwachsen die Vorteile, dass diese Institution auf Dauer angelegt und unabhängig von einzelnen Personen ist. Im Verein mit der öffentlich-rechtlichen Verpflichtung des Lernens ergibt sich so gegenüber dem spontanen Lernen in der Familie oder im Freundeskreis der Vorteil, dass Inhalte kritisch überprüft werden und eine Standardisierung erfolgt. Dies ist gerade auf dem Gebiet der Gesundheitserziehung wichtig, da so eine Relativierung der keineswegs immer gesundheitsförderlichen Ansichten der Kontaktpersonen der Kinder über eine angenehme Lebensweise erfolgen kann.

 

Es ist daher nach Herrlitz die Institution der Schule selbst, die die Gewähr dafür bietet, dass eine zumindest halbwegs objektive Vermittlung von Wissen erfolgen kann.

Nohls Aufgaben der Schule

 

Nohl versteht unter der zentralen Aufgabe der Schule das Schaffen eines Charakters, der es dem Menschen ermöglicht, einerseits seine Ziele und Neigungen zu verfolgen, aber andererseits auch nicht von diesen abhängig zu sein, sondern vielmehr die Herrschaft über die Triebe zu erlangen (Nohl 1957, S. 194). Hier tritt der Schillersche Widerspruch von Wollen und Sollen, von Instinkt und Natur wiederum hervor. Nohl bezieht sich auf Plato in der Betonung der Körpererziehung für die Willensbildung. Auch auf diesem Gebiet aber tritt wiederum der Widerspruch zu Tage zwischen der Entfaltung der Ausdrucks- und Bewegungsinstinkte einerseits und der Kontrolle über die eigenen Kräfte andererseits, wobei die rhythmische Gymnastik als Ausdruck der Entfaltung gesehen werden, während das frühere Turnen und der Sport das Moment der Kontrolle verkörpern. Zusätzlich zum Körperlichen berücksichtigt Nohl aber auch das geistige Moment, da es der Aufmerksamkeit bedarf, um zu lernen und diese Aufmerksamkeit als Willensakt herzustellen ist. Insofern muss von einem Menschen, der als gesund gelten soll, die Fähigkeit verlangt werden, die Kraft zur Aufmerksamkeit aufzubringen. Die Rolle der Schule sieht Nohl nicht zuletzt im Erlernen der Methoden und darin, dass den Kindern die Kraft der Anwendung von Methoden verdeutlicht wird. Die Schule vermag so die Spontaneität zu überlagern, da diese allein nicht ausreicht, die Kräfte und Potentiale der Menschen zur vollen Entfaltung zu bringen und die Gesundheit der Menschen zu gewährleisten, in dem den Kindern die Kunst des Lebens gelehrt werde.

 

Bernfelds Effekte der Schule

 

Bernfeld hebt vor allem die Funktion der Herrschaftssicherung an der Schule hervor (Bernfeld 1967). Er sieht die Funktion der Schule aber auch darin, dass die Kinder der Arbeitswelt entzogen werden. Erst dadurch wird es ihnen ermöglicht, ihre körperlichen und geistigen Kräfte herauszubilden und einen Zustand der physischen und psychischen Gesundheit zu erlangen.

 

Fends strukturfunktionale Sicht auf die Schule

 

Fend (Fend 1980) verweist auf die Funktion der Schule als Ort der Sozialisation. Diese erst ermögliche die Einbindung der Kinder in die Gesellschaft. Der schule kommt dabei die Aufgabe, den Schüler den Unterweisung in den Notwendigkeiten des Lebens angedeihen zu lassen. Die Schule hilft dergestalt das Reproduktionsproblem der Gesellschaft zu lösen, da die Sozialisation nicht spontan erfolgt, sondern gesellschaftlich kontrolliert wird. Die Schule allein ermöglicht es den Kindern, jene Fertigkeiten und Kenntnisse zu erwerben, die sie für eine angemessene Lebensführung und damit auch für die Erhaltung ihrer Gesundheit sowie ihre problemlose Integration in die Gesellschaft brauchen.

 

 

 

Literaturverzeichnis

 

Bernfeld, S. (1967): Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung. 2. Aufl. Frankfurt am Main 1967.

Fend, H. (1980): Funktionen der Schule aus strukturfunktionaler Sicht. München / Wien / Baltimore 1980.

 

Herrlitz, H. G. (1994): Lob der Institution Schule. In: Gropengießer, I. u.a. (Hrsg.): Schule. Zwischen Routine und Reform. Friedrich Jahresheft XII. Seelze 1994.

 

Nohl, H. (1957): Die pädagogische Bewegung in Deutschland und ihre Theorie. 4. Aufl. Frankfurt am Main 1957.

 

 

 

Aktualisiert ( Sonntag, 13. Dezember 2009 um 22:29 )